Noch zwei Wochen bis zur Quartalsgrenze: dann sind wir ein Vierteljahr in Vancouver!
Neben mir bullert die Ultimate Care II Super Heavy usw., in ihrem Bauch dreht sie Geschirrhandtücher. Durch ihr betörendes tuckern und wuppern höre ich die Kinder nicht, die gerade oben mit viel Geplapper und Gesinge ins Bett gehen- die sind gut drauf. In deren, Miras und meinem Bauch befindet sich Wild Pink Salmon, ein Salmonid der Species Oncorhynchus gorbuscha– er hat uns, angeschmort mit Knoblauch und Zwiebeln, garniert mit Rosmarin aus dem Garten und serviert mit Kartoffeln, alle glücklich und satt gemacht. Was kann es schöneres geben! Da gerade Saison ist, kostet der ganze Fisch ohne Kopf ca. 3$, ja richtig: drei kanadische Dollar für den ganzen Lachs! Das Weibchen wog um die drei Kilo. Wir haben vier gekauft, für den gleichen Preis, den man im Normalfall für ein Pfund Sockeye (Oncorhynchus nerka) Filet bezahlt. Bang!
Unser Leben geht in regelmäßigem Rythmus, genau wie das puckern der Ultimate neben mir. Der wohlgesonnene Kritiker dürfte anmerken, dass es vielleicht sogar etwas langweilig ist. Jetzt sind wir doch schon am anderen Ende der Welt und leben unser geordnetes, geregeltes , (Deutsches) Leben einfach so weiter? Quasi Tiergarten oder Volkspark nur mit anderen Vorzeichen? Ich kann es nicht richtig sagen.
Fakt ist, dass wir genügsam geworden sind- nicht, dass wir vor Kanada verschwenderisch gewesen wären. Hier verfügen wir nur über ein zehntel unseres Hausrates, haben die Hälfte unserer Klamotten, fahren ein altes (bisher zuverlässiges) Auto- aber nur zum Einkaufen-, und verzichten auf Fernseher, Nähmaschine, großen Computer usw. Mit Ausnahme der Nähmaschine fehlt im Prinzip nichts. Genügsam geworden auch mit dem Anspruch hier das große Abenteuer zu erleben. Die Erfahrung hier zu leben ist schon Abenteuer. Was ich mir in manchen Tag- und Nachtträumereien an Kanadaabenteuern überlegt habe; Kanufahrt mit dem Sohn, Camping mit der Familie, Wasserflugzeug fliegen, durch menschenleere Wälder streifen, auf Berge klettern, vielleicht sogar jagen, fischen, oder am Lagerfeuer sitzen und den Sonnenuntergang auf kanadisch erleben- all das scheint immer noch genausoweit weg zu sein, wie es in Berlin war.
Eine Ursache dafür ist auf jeden Fall die Situation, kein Einkommen aber eine hungrige Familie zu haben und diese beizeiten auch wieder gesund und vollzählig nach Berlin zu bringen. Zusätzliche Tankfüllungen oder Mieten für Outdoorequipment oder gar eine pralle Spaßkasse sind nicht gegeben. Ja, diese Verantwortung! Ich kann sie deutlich spüren. Die wichtigste und beste Sache ist, dass alle gesund und gut drauf sind.
Damit zum nächsten Thema: Warum sind wir doch gleich hier? Ja richtig! Der geneigte Leser hat es noch auf der Platte, kommenden Montag geht das Vorprogramm des MSFM los, und nach zwei Wochen Exkursionen, Fieldtrips und Teambuilding beginnt dann am 06.09. ganz offiziell das erste Trimester an der UBC für mich und 16 weitere Menschen im MSFM Kurs 2016/17. Das ist großartig, ich freue mich sehr darauf.
Im Lesestoff bin ich gut drin. Seit zwei Monaten lese ich regelmäßig täglich bis zum Mittagessen, und seit vier Wochen mache ich häufig Nachmittagsschichten um dran zu bleiben. Die Texte lesen sich von eingängig logisch bis wissenschaftlich extrem schwer, und es gilt, den richtigen Mittelweg zu suchen, finden und dann auch zu gehen. Es werden alle forstrelevanten Themen berührt: Klima, Böden, Klassifizierungssysteme, Geschichte, Politik, Vermessung und Datenerhebung, statistische Auswertung, Planung auf Bestandes und Waldbildebene (Großraumplanung), Erntetechnik und Maschinen, Gewässer, Wild, Waldschäden und Gesundheit (disturbances and forest health: Feuer, Sturm, Insekten, Klima, Menschen), Öffentlichkeitsarbeit und Verhandlungen mit Stakeholdern; dazu immer und ständig Präsentationen, Teamarbeit und Prüfungen. Auf uns alle kommt eine harte, entbehrungsreiche Zeit zu, mögen wir das gut bestehen und gemeinsam schaffen!
Seitdem ich mich hier über das Wetter beschwert habe ist es Sommer geworden, jeden Tag Sonne satt und Temperaturen zwischen 20 und 27 Grad, oftals mit erfrischendem Meerwind. Toll, dass es noch geklappt hat. Wir genießen die Sonne und sind draußen, wannimmer es möglich ist. Hier in der Siedlung hat Cuno mittlerweile ein paar Freunde und er kennt sich sehr gut aus, fährt selbstbewußt mit seinem Bike durch die Gegend und hält hier und da einen Schnack. Was sind wir stolz auf den!
Mira kocht jetzt auch asiatisch: neulich gab es Sushi. Davor Süßkartoffelnudeln (koreanisch). Das war so lecker, unfassbar gut. Das Spektrum des Mahlzeiten zubereitens hat sich deutlich erweitert, ebenso die Gewürzpalette. Das ist schon wieder ein dicker Pluspunkt auf unserer Liste der Erfahrungen in Kanada. Ebenso, dass wir hier weiterhin vegan kochen. Ok; ab und zu mal nen Lachs. Und wenn wirklich gar keiner guckt und die Kinder schlafen, dann essen Mami und Papi auch mal einen saftigen, leckeren, umweltbewußten Burger von A&W– aber: Pssssssst! Nicht weitersagen 😉
Es grüßt aus Vancouver,
C.