Halbzeit

img_1941

Malcom Knapp Research Forest, nähe Loon Lake Camp

Die Tage werden immer kürzer- ebenso unsere Zeit in Nordamerika. Kaum zu glauben, aber jetzt ist bald Halbzeit. Sechs Monate leben wir jetzt in Vancouver, BC. Zeit für ein Zwischenfazit, sozusagen den Halbzeitstand:

Wir haben eine solide erste Halbzeit gesehen, sehr kompakt und geschlossen die neue Umgebung angenommen, uns sehr gut assimiliert und dann aus einer stabilen Defensive das Spiel ausgebaut und mutig nach vorne gespielt. Wir wurden belohnt, haben unsere Tore geschossen und gehen daher mit verdienter Führung und einem guten Feeling („…vom feeling her ein gutes Gefühl!“, na, wer wars?) in die Pause.

Unser großer Dank gebührt allen fleißigen Menschen, die uns Pakete geschickt haben und hoffentlich weiter schicken! Wir freuen uns jedes Mal riesig über Post von euch!

Uns geht es allen nach wie vor gut und abgesehen von Miras Kurzaufenthalt im Krankenhaus vor einigen Wochen, haben wir bis hierhin auch alles bei bester Gesundheit angehen können.

Der viel angekündigte und berühmte „Raincouver“ Regen hat bisher überhaupt nichts von seiner berüchtigten Schrecklichkeit gezeigt. Es regnet viel, vorzugsweise nachts. Das ist sehr schön, wenn die Regentropfen aufs dach unseres Hauses plätschern. Von tagelangen Regengüssen können wir nicht berichten, auch wenn es öfter mal eine Stunde nieselt oder leicht regnet. Bei milden Teperaturen und mit regelmäßig wiederkehrendem blauen Himmel ist das eigentlich ganz nette Abwechslung vom grimmig kaltgrauen Berliner Trockenfrost. Da machen Ausflüge in Rainypants richtig Laune:

Unsere Abende sind derzeit von Lernen und Nähen geprägt. Wir genießen die tägliche Ruhe nach dem Sturm im Stillen und vertiefen uns für ein, zwei Stunden in unsere Arbeit. Jeder der Kinder hat kann sich vorstellen, was insbesondere Mira hier zu leisten hat. (Jede, die schon mal schwanger war, kann sich vorstellen was es heißt zwei Kinder, sich selber und das Baby im Bauch richtig und fachgerecht zu betreuen- fast unmöglich!) Ich bin zum Glück in der Lage meinen Beitrag zu Kindern und Haushalt zu leisten. Die Abende gehören dann der Vorbereitung auf die Uni, im Vergleich zu meinem Leben vor Vancouver hat die Arbeitsbelastung deutlich zugenommen. Beinahe jedes Fach verlangt Assignments, Reports, Präsentationen vor der Klasse, Quizzes und Midterm- sowie Finalexamen. Meine Kommilitonen ziehen den Hut vor unserer Leistung, und ehrlich gesagt, ich tue es auch ein Stück weit!

Jetzt stehen die Final Exams vor der Tür. Dazu müssen einige größere Projekte beendet werden (Reports) und eine Politik-Simulation durchgeführt werden. Mitte Dezember ruht dann alles für drei oder vier Wochen. Und wenn die Uni dann wieder los geht sind wir zu fünft! Dann wird es nochmal ne Schüppe schwerer für uns alle, aber wir gehen gemeinsam und geschlossen mit frohem Mut an die Aufgabe ran- machen müssen wir es so oder so!

img_2052

Auf diesem Foto seht ihr wie es aussieht, wenn kanadische Unternehmen (in diesem Falle Tolko) um Studenten werben: „Get hired!“ Events finden jede Woche Dienstag mittags statt. Unternehmen bringen dutzende Pizzen und Getränke für jeden Gast mit, und stellen sich dann, während die geneigte Studenschaft futtert, per Powerpoint als Arbeitgeber vor. Wer mag, kann sich gleich in eine Liste für ein Bewerbungsgespräch eintragen. In der Regel finden diese Gespräche während der nächsten Tage gleich statt und schwupp: hat man seinen Job! Ihr glaubt mir nicht? Is so!

Die Kanadier haben es in diesem Falle nicht besonders schwer. Entsprechend gibt es auch bei niemandem die Unsicherheit, einen Job zu bekommen. Alle wissen, dass sie nach der Ausbildung Geld verdienen werden. Das einzige, was sie dafür mitbringen müssen ist absolute Flexibilität, keine Ortsgebundenheit und am besten keine Familie. Denn die Jobs sind in der Regel „entry-level“, das bedeutet: Feldarbeit (also Waldarbeit): Cutblockdesign, Grenzen markieren, Straßentrassen ausmessen, Waldbestandsaufnahmen, forest operations assessment. 10-11 Stunden pro Tag, teilweise 10 Tage Schichten. Und das ganze tief im kanadischen Festland, also weit weit weg von jeder größeren Stadt. Für uns wäre das nicht zu leisten, schon gar nicht mit Schulkindern (die dann jeden Tag eine Stunde oder länger pro Tour zur Schule fahren). So kanadisch, das haben wir hier gelernt, wären wir dann doch nicht. Hand aufs Herz. Ja, wir freuen uns auf unsere Heimat, unseren Kiez, unsere Freunde und Nachbarn. Das ist eine große Errungenschaft (neben vielen anderen) unserer Reise, bis hierher.

Gestern haben wir viele Geschenke bekommen: Ein Nachbar bringt uns jede Woche Montag köstliches Brot (hier selten und unbezahlbar) im Tausch gegen selbstgebackene Kekse oder selbstgemachtes Müsli von Mira. Und ein Kommilitone hat uns gestern spontan noch eine Tüte Obst und Gemüse gespendet, die er aus einer Ladenschließung bekommen hat- danke!

 

Hinterlasse einen Kommentar