9 Monate BC

9 Monate – Systemveränderungen

Es ist so gekommen wie es vorherzusehen war: Das Baby hat unser Zusammenleben neu strukturiert, Zeitkontingente neu ver- und umverteilt. Die Zeitanzeige zum pflegen des Blogs ist von “wenig” auf “kaum vorhanden” umgesprungen. Daher klafft nun schon eine beachtliche Lücke im Blog, worauf ich auch schon aufmerksam gemacht wurde. Danke für die Erinnerung! Ich versuche die Lücke nun chronologisch zu schließen, beginnend mit den aktuellsten Ereignissen.

Sitze gerade in Cuno’s Jiu Jitsu Class. Cuno macht ja seit November regelmäßig Jiu Jitsu bei North Vancouver Brazilian Jiu Jitsu, im Gracie Bulletproof Programm. Der lange Anfahrtsweg lohnt sich wirklich, denn einerseits haben Cuno und ich Papa-und-Cuno-Zeit und genießen diese auch; zum anderen lernt Cuno ´ne Menge cooler Tricks und hat Spaß mit den anderen Kindern. Und da wir mit den Öffentlichen anreisen, erleben wir auch oft viele tolle Sachen, zum Beispiel im Sea Bus bei der Überfahrt über das Hafenbecken. Abends auf dem Rückweg gibt es dann von North Vancouver aus die Skyline von Downtown Vancouver zu bestaunen- gegen den oft spektakulär gefärbten Himmel.

Letzte Woche war “Reading Break”- keine Uni. Die Kanadier im MSFM haben eine Woche Winterurlaub gemacht und ich habe strebermäßig jeden Vormittag im Irving K Barber Learning Center gesessen und gelesen, gelernt, und aufgeholt. Das war echt nötig, ich fühlte mich doch etwas abgeschlagen- aber dazu gleich Näheres. Nachmittags war dann Familytime. Die einzige Ausnahme war Montag. Da sind wir alle feierlich zum deutschen Konsulat im Canada Place gefahren und haben Ruben’s deutschen Reisepass beantragt und gleich mitgenommen. Ruben ist also zuerst Deutscher, der kanadische Pass geht per Postantrag Morgen raus. Vom Canada Place aus kann man wunderbar den Wasserflugzeugen beim Landen und Starten vorm Stanley Park zusehen. Cuno hat mit seiner neuen Kamera von Opa gleich jede Menge Fotos und Videos gemacht.

Vor einigen Tagen gab es ein echtes Highlight: Zwei Väter aus der Siedlung, Keith und Joel, und ich sind auf den Hollyburton Mountain gestiefelt: original kanadisch mit Schneeschuhen. Und als Abendwanderung. Wir sind um vier losgefahren und haben uns anderthalb Stunden im Auto aus der Stadt herausgewunden. Dann, gegen sechs Uhr sind wir in den Berg eingestiegen und teils abseits des Pfades durch den Tiefschnee nach oben gestiefelt. Gegen sieben war es komplett dunkel, und wir waren umgeben von schneebedeckten Tannen und Riesenlebensbäumen. So gut wie niemand war mehr unterwegs. Nur ein paar wenige Wanderer kamen uns entgegen. Diese Stille! Und dann, plötzlich, gab es die ersten Aussichten auf das nächtliche Vancouver unter uns. Je höher wir kamen, desto mehr konnten wir sehen. Am Gipfel, gegen acht Uhr abends, hatten wir dann klare Sicht auf ein golden scheinendes und schimmerndes Netz von Straßen und Gebäuden der Stadt an der English Bay. Dort standen wir dann zu dritt, tranken Früchtetee und aßen Snacks in der kalten, klaren Stille. Herrlich!

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Aussicht vom Parkplatz auf die vor Anker liegenden Schiffe in der English Bay

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Ich bin bereit! Mein erster Berg nach neun Monaten in Vancouver

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Keith and Joel

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The Team

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Aufwärts zunächst einer Trasse folgend

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Schnell wurde es dunkel

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Lions Gate Bridge

Das war ein Boost für die Seele. Das war auch notwendig, denn vorher gab es:

The Blues

In den zwei Wochen vor Reading Break herrschte zu Hause der Blues. Das hatte vielerlei interagierende Gründe.

Einerseits zieht so langsam die Erkenntnis ein, dass wir bald wieder unsere Sachen packen werden, und aus unserem Haus in Acadia Park ausziehen und unsere neu gewonnenen Freunde verlassen werden. Trotz aller Freude auf zu Hause zieht uns das doch etwas runter.

Dann habe ich im zweiten Semester nicht den Zugang gefunden den ich im ersten hatte. Das hat mich zu Beginn irgendwann frustriert- heute weis ich, dass es allen anderen genau so geht. Im zweiten Semester machen wir in großes Projekt in Gruppenarbeiten. Wir arbeiten mit Computerprogrammen die keiner von uns vorher bedient hat (FPS ATLAS, Access)- und die Einarbeitung in das Programm wurde nicht besonders gut gestaltet. Noch dazu ist die lehrende Dozentin für diesen Teil unseres Projektes aus Deutschland und meine kanadischen Mitmasterstudenten finden sie besonders streng (im Vergleich zu den kanadischen Professoren/Dozenten). Das kam also besonders schlecht an und die Klasse erstarrte in einer Art Angststarre (eigentlich mehr  in einer Art passivem Widerstand) wenn „the German Lady“ kam. Ich stand ziemlich zwischen den Stühlen. Weder konnte ich die Klasse aufmuntern besser am Unterricht teilzunehmen, noch der Dozentin hilfreiche Tips geben wie sie die Klasse besser erreicht.  Nun ja, wenigsten habe ich versucht die Situation so gut wie möglich zu beeinflussen. Mehr war nicht drin, diesmal.

Unsere Leader Steve Mitchell und Deb DeLong sind in diesem Semester nicht besonders präsent. Überhaupt ist viel Raum fuer Projekt-, bzw. Gruppenarbeit. Das fühlt sich aber oft wie Leere an und die Formkurve der Masterstudenten steigt nicht mehr an.

Mir kommt die Situation zwar entgegen, ich kann (und muß) mehr Zeit mit der Familie verbringen. Aber im Hinterkopf ist die ganze Zeit der Gedanke, dass eigentlich viele Dinge für die Uni zu tun sind, und Tag für Tag unerledigt liegen bleiben… und sich aufbauen.

Trotz dieser geliehenen Zeit ist die nachlassende Kraft auch ein Faktor. Mira macht seit neun Monaten drei Kinder fast im Alleingang (das frisch geschlüpfte muss ja auch während der Schwangerschaft  mitgezählt werden):  Jeden Tag Programm, frisches Mittagessen kochen, Hintern abwischen, spielen und Spaß haben und abends zeitgleich alle ins Bett. Diese Leistung verdient Hochachtung und ich kann mich nur verbeugen. Ohne diese Leistung könnte ich das hier alles nicht machen. Ich versuche natürlich ebenfalls alles zu geben und im Haushalt und mit den Kindern zu helfen wo ich kann, und mein Teil ist sicherlich nicht unbeachtlich. Aber wir sind ja nicht nur Eltern, sondern haben auch noch eine Beziehung. Und da machen wir ganz schöne Abstriche derzeit. Das ist anstrengend. Ich glaube wir wissen die Kita jetzt schon insgesamt besser zu schätzen als vorher…

Ein weiterer Faktor ist, dass wir schon seit langer Zeit hart sparen- eigentlich von Beginn an. Trotz der wunderbaren Unterstützung von den Jägern aus Berlin ist es verdammt eng. Erst recht nach meiner Zahnwurzelrevolte und deren blutiger Niederschlagung durch eine tapfere Masterstudentin an der UBC Faculty of Dentistry Anfang des Jahres. Und wer das nordamerikanische System kennt weis, dass Zähne aus dem Gesundheitssystem ausgeklammert sind: bitte selber zahlen!

Da bleibt so gut wie null Spielraum für entspannende Dinge wie mal essen gehen. Was ja im Prinzip der einzig mögliche Luxus ist, denn abends weggehen ist ja ausgeschlossen. Mich belastet diese Situation vor allem deswegen, weil ich offensichtlich vor unserer Reise zu optimistisch gerechnet habe und nicht so spendabel sein kann wie ich es eigentlich gerne wäre und in der Vergangenheit gewohnt war. Meine Familie jetzt dauerhaft zum Sparen anzuhalten ist vielleicht die gerechte „Strafe“ dafür.  Man kann also sagen, dass ich mich auf mein regelmäßiges Einkommen freue und meine Lektion gelernt habe!

Und dann ist es das Ende des Winters; einfach eine gute Zeit für ein bisschen Blues.

Aber die gute Nachricht ist: wir sind wieder raus aus dem Tal und gehen jetzt mit noch mal aufgetankter Kraft in die letzten Runden. Noch fünf Wochen Uni und dann sechs Wochen frei. Danach geht es ab nach Hause!!!

 

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