Master of Sustainable Forest Management (MSFM)

Der Aufhänger und Initialpunkt unserer Reise ist ein Masterprogramm der Forstfakultät an der UBC in Vancouver.

Genauer gesagt handelt es sich um den Master of Sustainable Forest Management (MSFM). Der MSFM existiert erst seit 2012/13 und ist ein Graduiertenstudium welches Forstleute auf die komplexen Aufgaben der Klimawandelanpassung und der Erstellung passender Managementpläne für Wälder vorbereiten soll. Natürlich unter Berücksichtigung aller „Stakeholder“, also Nutzergruppen, wovon es aufgrund der vielfältigsten Funktionen und Nutzungen der Wälder sehr viele gibt. Da es in British Columbia wie in ganz Canada indigene Volksgruppen gibt, die First Nations, beinhaltet der MSFM auch diesen für mich neuen, ursprünglich kulturellen und rituellen Aspekt der Waldnutzung! Darauf freue ich mich bereits sehr.

Woche 1 / 22.-26. August

Am Montag um 08:30 hat das Programm begonnen. Im Forest Sciences Building wurde die Kohorte der angehenden Masterstudenten vom Programmdirektor Stephen Mitchell und der Koordinatorin Deborah DeLong , beide RPF (Registered Professional Forester), empfangen.

Wir sind 20 Studenten, 6 Frauen und 14 Männer, im Alter von 23 bis 37 Jahren, mit verschiedenen beruflichen Hintergründen. Ich schätze 12 Kanadier, 2 Amerikaner, 5 Asiaten und ein Berliner 😉

Praktisch forstwirtschaftlich erfahren sind vielleicht 5-7. Einige kommen aus den Bereichen Biologie, Geologie, Hydrologie.

Der Vormittag stand unter dem Vorzeichen der obligatorischen „Vorstelungsrunde“ und der Organisation. Nachmittags dann der Einstieg in die Introvorlesungen mit dem Thema Sustainable Forest Management Kriterien.

Dienstag Vorlesungen zu Treebiology, Soil classification und BEC (Biogeoclimatic Ecosystem Classification) in BC; gefolgt von Bodenprofilansprache und Standortanalyse (observational skill-building) in einem Waldstück der UBC Farm. Alles in allem eine gute Wiederholung für mich- kannte ich alles schon.

Mitwoch dann Fahrt ins Musqueam Village, First Nations. Die Musqueam (People of the river grass) leben seit über 5000 Jahren in Vancouver und sind bis heute eine starke Community mit über 20.000 Mitgliedern. Sie haben nie ein „treaty“ unterzeichnet und haben daher heute eine mächtige Position, da im Prinzip jede Landklage zu ihren Gunsten entschieden wird- die Musqueam haben ja wie erwähnt zu keiner Zeit in der Geschichte offiziell das Land abgegeben. So gewinnen sie, wie andere indigene Gruppen Nordamerikas an Einfluss zurück: Die Straight of Georgia nördlich der Mündung des Fraser ist in Kanada seit 2009 Teil der Salish Sea und die berühmten Queen Charlotte Islands heißen ebenfalls seit 2009 offiziell Haida Gwaii.

Nachmittags Besuch des Stanley Parks mit Besichtigung der Sturmschadenflächen von 2006/07. Bill Stephen, Urban Forester der City of Vancouver hat uns geführt und zusammen mit Steve Mitchell jede Menge hochkarätiger Facts präsentiert.

Donnerstag Morgen gab es eine knackige Powervorlesung von Dr. John Richardson, Department Head, Forest and Conservation Sciences, UBC. Thema waren Biodiversity by way oh habtat protection and enhancement. Ebenfalls Thema: Stream and wetland protection. Kaum war die Vorlesung zu Ende hat Dr. Kim Green, PGeo, Hydrologist, Apex Consultants das Zepter übernommen und über Forests and the fluvial system. Nach einer kurzen Pause ging es in den Jericho Park, wo wir das eben gehörte in der Praxis eines Stadtparkwaldes (park woodland) mit Anschluss an die Küste gesehen haben. Wieder der Stadtförster Bill Stephen; Nick Page, Biologe; und Frank Heinzelmann von der Jericho Stewardschip Group führten, anschließend Gruppenaufgabe mit Steve Mitchell.

Freitag dann multiple choice week quiz über die vergangene Woche und Vorbereitung der Gruppenreise kommende Woche. Danach Field Measurement Day mit Dr. Val LeMay, RPF, Professor of Forest Biometrics and Measurements: Grundflächen- und Volumenberechnung im Bestand mittels manueller Gerätschaft und Mittelhöhen und Brusthöhendurchmesser. Genauso wie in Deutschland gelernt- einfach herrlich!

Morgen (Samstag) ist ein tag frei, danach geht es nach Nelson BC zur Immersion week, sechs Tage und Nächte in den Bergen und Wäldern von British Columbia!

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Douglasienbestand mit 1.000 Volumenmeter Holzvorrat. Alter 55 Jahre, Mittelhöhe: 45m! Mitteldurchmesser: 53cm

 

Immersion Week, Nelson Field Trip

Die zweite Woche das MSFM Kurses ist die Eintauchwoche, man kann auch sagen: Friß oder stirb! Vorweg, niemand ist gestorben, aber so mancher Teilnehmer hat doch etwas in den Abgrund der Spezialnische Forstwirtschaft geschaut…

Aber der Reihe nach. Der Hinweg ist eine 10 Stunden Autofahrt von West Vancouver (UBC) nach Nelson, BC. Wer die Route googlet (googelt?) sieht schnell, dass es durch einige imposante Berge geht. Durch die Coastmountains in die Columbia Mountains welche in die Rocky Mountains übergehen. Nelson liegt im District Kootenay in den Colubia Mountains, eine kleine, sehr sympatische Stadt am Westarm des Kootenay Lake. Leider haben wir davon nicht soviel mitbekommen.

Tägliches Aufstehen für mich war 6:00 Uhr, denn wir hatten nur 1 Dusche/ WC für 14 männliche Studenten im Untergeschoss, welche in zwei 8-Bett Zimmern schliefen. Die Jugendherberge war das Dancing Bear Inn, was ich an dieser Stelle absolut empfehlen möchte. Eine tolle, kleine Herberge mit Lesezimmer und jeder Menge Charme. Morgens dampft der Kaffe in der Lounge, und wenn man nicht gerade zu zwanzigst ist, kommt man bestimmt auch mit der Dusche im Untergeschoss gut aus (oder man geht in eine der anderen auf den darüberliegenden zwei Etagen).

Abfahrt war jeden Tag um Punkt acht, und da ich Fahrer war, hatte ich auch darauf zu achten, dass alle Insassen meines Fahrzeuges vollzählig und pünktlich antraten. Was aber kein Problem darstellte.

Wir fuhren über die Woche verschiedenste Orte und Waldnutzer der Umgebung an: BEC Site-Classification im ESSFwh3 auf 1.600m Höhe (Engelmann Spruce – Subalpine Fir wet hot variant 3), Bodenprofilbestimmungen, Watershed Stakeholders und Spawningstreams für Kokanee Lachse, Community Forest Agreements, Kalesnikoff Lumber Sägewerksbesichtigung und Harvestingsites erkunden. Und kilometerlange „Loggingroads“ hinauffahren: Eine Seite Berg, andere Seite gähnender Abgrund.

Folgend ein paar Bilder. Ich merke schon, dass ich mit den Texten nicht mehr hinterher komme…

 

Und zum Abschied unserer Zeit in Nelson noch ein Bild von der Heimtour:

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Frage nach den belegten Kursen:

In Term 1 belege ich folgende Kurse

FRST 555 – Introduction/Immersion, 2 weeks, beendet

FRST 556 – Land Information Acquisition and Analysis

Hier geht es um Datenerhebung und Analyse von Geodaten, hauptsächlich mit GIS (Geoinfirmationssystem) und Remote Sensing/ Bildinterpretation von Landschaften

FRST 557 – Site-Level Forest Land Management

Erstellung von Site-Level Plans (SP), also klassische Forstplanung (Pflanzung bis Ernte), erstellen professioneller Beriche

FRST 523 – Forest and Environmental Policy

Forstgeschichte und Forstpolitik Kandas

FRST 532c – Directed Studies in Forest Management: Complex Adaptive Systems in Forest Management (Wahlfach), Rückblick auf die Ursprünge des Waldbaus (Deutschland, Carl von Carlowitz, 1712) und die Entwicklung des Waldbaus bis heute. Inklusive der Fragestellung, wie und ob Waldbau im klassischen Sinne den heutigen Herausforderungen (Klimawandeladaption/Nutzungvon Wäldern) noch möglich ist.

MKRF – Malcom Knapp Research Forest

Die UBC besitzt fuer selbstfinanzierte Forschungszwecke einen eigenen Wald östlich von Vancouver, nördich von Maple Ridge. Dort können wir Übungen und Konzepte direkt im Wald durchführen und überprüfen. Die Waldflaeche betraegt 5.200 Hektar. Hauptbaumarten sind Douglasie (Douglas-fir), Hemlock (western hemlock), und Lebensbaum (western red cedar). Die geoklimatische Zone heist CWHvm1 (Coastal Western Hemlock submontane subzone (CWH), very wet (v), maritime (m), variant 1).

 

Sept.30th

Clearcut

Hier einige Bilder einer Hiebsmaßnahme. Das Ziel: Verjüngung der Fläche nach Kahlhieb. Dieser wurder auf einer 45-60% steilen Bergflanke von einem Bagger auf Kettefahrgestell (feller-buncher) im Rahmen einer Forstmaschinendemonstration durchgeführt. Der Bagger wird durch ein Stahlhalteseil gesichert (teathered system). Das Seil läuft auf einer Motorwinde auf Bulldozerfahrgestell welche am oberen Hang positioniert ist.

Der kleinflaechige Kahlschlag wird in BC immer noch als ultima ratio angesehen und durchgeführt. Ein Grund dafür ist das kanadische „tenure system„: Der Wald in BC gehört zu 95% der Krone. Also der gewählten Regierung. Also den Menschen. Die 5 großen kanadischen forest companies (Canfor, West Fraser, Tolko, Resolute, Western Forest Products) bieten genau wie alle anderen Unternehmen auf sogenannte „tenures“ (am besten zu Übersetzen mit Fällrechten), über teilweise mehrere Milionen Kubikmeter Holz mit bis zu 25 Jahre Laufzeit. Dabei wird zwischen Volumen und Gebiet unterschieden. Entweder bekommst Du also ein Gebiet von mehreren hundert Quadratkilometern und musst Dir darin dein Holz suchen (aber aufgepasst: andere suchen auch im selben Gebiet! Also sei schnell und sichere Dir das beste Holz!), oder es heißt: Hier ist Dein Gebiet (mehrere Quadratkilometer), hol Dir innerhalb von fünf Jahren 500000 Kubikmeter Holz raus. Wieveviel Holz genau pro tenure freigegeben wird bestimmt alle fünf Jahre der oberste Förster, in diesem Fall die oberste Försterin: Diane Nicholls, BC Chief Forester. Die Obergrenze ist der Annual Allowable Cut (AAC), und wer seinen Cut nicht ausnutzt bekommt beim nächsten mal weniger…

Die Folge: Unternehmen nehmen so schnell und so viel wie sie können, bevor es andere wegschnappen. Der Wald spielt hierbei eine Rohstofflieferantenrolle. Umweltschutz gibt es auf dem Papier, aber auf der Fläche findet er nur untergeordnet Anwendung.

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Aufstieg in die Fläche

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Ausblick auf ältere Kahlschläge und „Überhälter“…

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Nach dem Kahlschlag

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Im frischen clear cut, unterhalb der Zufahrt ein bepflanzter Kahlschlag

Und tatsächlich: Die zwei (noch) stehen Büme gelten als „residual trees“, also Überhälter. Da schmerzen die Augen.

Und wer mag sollte sich mal dieses hier anschauen: Ein belibeiger Bildausschnitt von google maps vom südlichen Vancouver Island, nahe Nanaimo Lake. Stellvertretend für die hiesige Waldnutzung: Clearcuts, nichts anderes weit und breit. Zur Abmilderung der negativen Folgen sind die Kahlschläge nur noch 10-250ha groß, nicht mehr tausende Hektar, wie noch vor wenigen Jahren. Auch sollen sie nicht mehr rechteckig sein, sondern müssen organische Formen annehmen. Und Gruppen von Bäumen sollen erhalten bleien (retention trees), ebenso sind gewissen Mindestabstände zu Gewässern einzuhalten (10m pro Seite bei Fischgewässern, die nicht befahren oder gerodet werden dürfen).

Seit nahezu 20 Jahren hat die Natur hat die Industrie in den Würgegriff genommen: Klimawandel und Mountain Pine Beetle (MPB) setzen den AAC unter Druck, 14 Millionen Hektar Kiefernwald sind tot. Da es keine Infrastruktur in weiten Teilen BCs gibt, kann das Kiefernholz nur in sehr begrenztem Umfang genutzt werden. Gigantische Waldbrände werden befürchtet, und ganz wie bei uns in Deutschland wird um Lösungen gerungen: Weiter so? Neue Baumarten einführen? Oder die Natur machen lassen?

„Oh Menschlein, wann begreifst Du wohl, den Dauermischwald als Symbol?“ (Theodor Heuss)

MKRF-Friday, Oct. 7th

Letzten Freitag haben wir eine Übung zum cable yarding gemacht: Trassenführung für das kabelgestützte rücken von Stammholz auf steilen Lagen. Wenn das Gelände zu steil für den Einsatz konventioneller Bodenfahrzeuge wird, kommen entweder seitgestützte Bodenfahrzeuge (teathered ground-based equipment) oder eben Kabelkräne (yarders) zum Einsatz. Um die Tauglichkeit einer möglichen Kabeltrasse zu berechnen nutzt man (zur Übung) Karten und Geländetests. Heutzutage erfolgt alles über LIDAR Daten und GPS.

Hier die Ausgangssituation mit den Übungstrassen:

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Block 3, slope and steep slope cable yarding in MKRF

Mit Kompass und Gefällemesser ausgerüstet geht es dann ab durch den Busch, und für den deutschen Förster gibt es jede Menge neuer Waldbilder, an die ich mich immer noch nicht gewöhnt habe. Was für ein Wuchs! Was für eine Feuchtigkeit!

Trainingswoche im Malcom Knapp Research Forest, 24. – 28. Oktober

Malkom Knapp

 

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Eine zerfurchte Douglasie, umgeben von schattentolernater Hemlock Verjüngung

Dec. 13 2016 – End of Classes, End of Term

Heute ging mit der letzten Klausur Term 1 offiziell für mich zu Ende. Bilanz: es ist sehr sehr gut gelaufen. Es war anstrengend und teilweise viel parallel, ich habe vieles aufgefrischt und viles neu gelernt, eine Menge netter Menschen kennengelernt. Ich war auf zwei aufregenden Trips in Nelson und Malkom Knapp Research Forest. Ich habe mündliche Verteidigungen im Feld und vor der Klasse gehabt, Vorträge gehalten und Test, Assignments und Prüfungen hinter mich gebracht. Meine Ergebnisse (Noten) zum Ende des Terms sind auch ganz gut, werde sie hier veröffentlichen, wenn alle offiziell anerkannt und bestätigt worden sind.

Das Auslandstudium hier an der UBC zu machen war eine meiner besseren Ideen, ganz klar. Jetzt ist kurzes Verschnaufen angesagt- Familytime!!! Mitte Januar geht es weiter mit Term 2 und unserem Abschlussprojekt. Und schon ist die Zeit als MSFM Student vorbei. Die Zeit fliegt…Merry Christmas!

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Auf einmal zu Ende, April 15th 2017

Drei intensive Monate im MSFM sind vergangen. Ein großes Gruppenprojekt samt Abschlussarbeit, Präsentation und mündlicher Verteidigung für unseren Landscape-level Forest Planning Kurs war der Backbone des zweiten Semesters. Daneben liefen mit Stand Dynamics (Bruce Larson) und Forest Economics weitere Kurse und Projekte. Teilweise musste ich kämpfen um dran zu bleiben. Vor allem die Babypause zu Beginn des Semesters hat sich oft durch ein latentes Informationsdefizit meinerseits bemerkbar gemacht. Manchmal war ich dich sehr überrascht (was, heute ist Notenprüfung???) – Schlafdefizit und die neue Familiensituation kamen hinzu, sodass meine Leistungsbereitschaft und Zwischenergebnisse zu Beginn des zweiten Semesters etwas ins schwanken gerieten. Durch kontinuierliches Durchbeissen und Dranbleiben hat sich das aber zum Ende hin wieder nivelliert. Dennoch bin ich jetzt froh, sogar sehr froh, dass mit dem heutigen Tage meine Zeit als aktiver MSFM-Student zu Ende gegangen ist.

Und hier ist sie, MSFM Class of 2017:

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links hinten: Prof. Dr. Steve Mitchell, RPF, Conor, Jason, Calvin, Megan, ich, Javier, Cody and Peter; mitte: Andre, Yue, Matthew, Devin, Leslie, Mike, Nick; vorne: Julie, Sarah, Anna, Josie, Deborah DeLong, RPF. Es fehlt: Doug (der musste arbeiten)

Congratulations guys!